ARCHIVE 1994

Das Schloss Burgfarrnbach wurde zwischen 1830 und 1834 nach den Plänen des Königlich Bayerischen Bauinspektors Leonhard Schmidtner erbaut.

 

„Ägypten“


Hassan El-Shark


Schloss Burgfarrnbach


Fürth, Bavaria


24.04. – 21.06.1994

Fürther Nachrichten, 1994, GERD FÜRSTENBERGER

 

Zwischen gestern und morgen

Zwei kontrastreiche Beispiele Ägyptischer Kunst der Gegenwart in Ausstellungen im Theater und im Schloß

Mit Symbolen arbeitet Hassan El-Shark in einem oberägyptischen Dorf.

Der eine erinnert sich an ein blühendes städtisches Mittelalter, in dem Odalisken, türkische Haremssklavinnen, fürs Vergnügen standen und mamelukische Krieger die verfeinerte Kultur der Zeit repräsentierten. Der andere malt eine dörfliche Gegenwart, in der eine Jahrtausende alte Tradition fast ungebrochen lebendig ist, doch schroff mit der so völlig anderen modernen Zivilisation konfrontiert wird. Beide entwerfen, einander ergänzend, das Bild eines Ägypten, das uns im Grunde fremd und gerade deswegen so faszinierend ist.

 

Mit dem Ausstellungs-Tandem Awad El-Shimy im Stadttheater und Hassan El-Shark im Schloß Burgfarrnbach gewährt die engagierte Fürther Galeristin Ursula Schernig, die viele Jahre in Ägypten lebte, authentische einblicke in die islamische Welt und heutige ägyptische Kunstszene. Anlaß dieser Präsentationen ägyptischer Kunst der Gegenwart ist das 19jährige Jubiläum des deutsch-ägyptischen Vereins, der bereits seit seiner Gründung in vielfältiger Weise Brücken zwischen den beiden Kulturen geschlagen hat.


Dekorativ setzt Awad El-Shimy seine körperlosen Gestalten in Szene.

 

Kreatives Urgestein

Hassan El-Shark, dessen Bilder schon anlässlich der Vernissage am Sonntag erste begeisterte Käufer fanden, ist kreatives Urgestein, ein Künstler, wie es ihn bei uns nicht mehr gibt. De Autodidakt, der erst seit jüngerer Zeit als Gaststudent an einer Kunstakademie eingetragen ist, lebt noch heute in dem bis fast in die Gegenwart beinahe völlig isolierten oberägyptischen Dorf, in dem er geboren und aufgewachsen ist.

 

Als Besitzer eines winzigen Ladens und Vater von sieben Kindern führt er ein im Grunde unscheinbares und keineswegs ungewöhnliches Leben, zu dem er als Künstler – in seinem Dorf lange unverstanden – doch früh abstand gewann. Mit der Tusche, die er an die Schulkinder verkauft, schildert er das äußerlich karge, doch im Innern reiche leben der Fellachen (Bauern) in seiner Heimat, dessen einzig herausragende Ereignisse bis heute Geburt, Heirat, Kinder und Tod geblieben sind.

 

 

 

 

Magische Symbole

Und er tut das, seiner Kultur entsprechend, nicht nüchtern realistisch, sondern mithilfe magischer Symbole, deren Bedeutung teilweise überliefert, teilweise durchaus aber auch von ihm „gefunden“ worden ist. Doch nicht auf das individuell Neue kommt es bei dieser Kunst eigentlich an, sondern auf die Variation des Bekannten.

 

Da stehen Schlangen, Raubvögel und Ungeheuer für Verderben und Gefahr, Zeitungspapier, das einen toten Palästinenser bedeckt, für Geschwätz, Schlüssel für die Unterkunft, die ein junge braucht, um ein Mädchen heiraten zu können. Da umarmen sich Bäume als Zeichen natürlicher Harmonie, stehen erhobene Hände, Augen und Amulette für die Bitte um Kraft, Eier erwachen im Angesicht der Bedrohung durch die Schlange zu wehrhaftem Leben, und ein Zug aus Kairo, der in Menia einfährt, symbolisiert die neue Welt.

 

Es ist eine erzählende, expressive Kunst, die wie ein Welttheater des dörflichen Ägypten anmutet. Jedes der zahllosen Details hat eine Bedeutung, und die robuste „Ästhetik“ steht so ganz im Dienst von Aussage. Dokumentation und Schilderung. Sollte die Welt, in der Hassan El-Shark lebt, untergehen – was angesichts der auch in Ägypten unaufhaltsam vordringenden modernen Zivilisation nicht unwahrscheinlich ist – wird man sich anhand seiner Bilder wohl nahezu lückenlos an sie erinnern können.

 

Orientalischer bildnerischer Tradition entsprechend, läßt Hassan El-Shark auf dem Papier keine Lücke zu und füllt auch den Hintergrund der in jüngerer Zeit häufig kolorierten Bilder mit Ornamenten aus. Das, wenn auch nicht viel mehr, verbindet ihn mit dem zweiten in Fürth präsentierten Protagonisten heutiger ägyptischer Kunst, Awad El-Shimy.

 

Die technisch höchst anspruchsvollen Radierungen des Kairoer Graphikprofessors repräsentieren in ihrer Weise ebenso authentisch die orientalische Welt und sind doch völlig anders. Denn sie leiten sich aus einer Epoche großen Reichtums und höchster Geschmacksverfeinerung her, der Zeit der Mameluckenherrschaft, die von 1250 bis 1517 dauerte. In dieser Zeit wurde in Kairo ein neuer islamischer Kunststil begründet, auf den sich Awad El-Shimy beruft.

 

Luxuriöse Interieurs

Das Dekorative ist hier wesentliches Qualitätsmerkmal, so sehr, dass selbst die dargestellten Menschen, eingebettet in luxuriöse Interieurs, in erster Linie als Ornamente zählen. Ob Odalisken oder Krieger, zu sehen sind ihre peppige Kleidung, ihr edler Schmuck und ihre prachtvollen Waffen. Gesicht und Körper werden ausgespart.

 

Die ästhetische Veräußerlichung ist Programm und bewirkt bewundernswert erlesenen, doch eigenartig unterkühlten Sinnengenuss. Die Bilder, meist in mittlerem Format, zeichnen sich durch höchste Akkuratesse, zuweilen auch geschmackvoll dezente Farbigkeit und ein bemerkenswertes Gefühl für die Beziehungen zwischen Linie und Raum aus.