ARCHIVE 1996

Hotel-Pyramide and Euro-Med-Clinic, Fürth, Bavaria

 

 

„AUFBRUCH – Moderne Afrikanische Kunst“

Hotel-Pyramide und Euro-Med-Clinic

Fürth, Bavaria

21.09. – 03.11.1996

Vernissage: AUFBRUCH – Moderne Afrikanische Kunst, Hotel-Pyramide und Euro-Med-Clinic, Fürth, Bavaria, 21.09.1996

Nürnberger Nachrichten, 25.09.1996, BERND ZACHOW

 

Ein Kontinent im Aufbruch

Zwischen Tradition und Moderne: Das große Ausstellungsprojekt mit zeitgenössischer Kunst aus Afrika in Fürth

„Salon Luc-Desmidt”, ein Gemälde von Chéri Samba aus Zaire. Foto: Katalog

„Das traditionelle Afrika mit seiner altertümlichen Herrlichkeit wird sterben“, schrieb der berühmte Ethnologe Leo Frobenius im Jahr 1921, um fortzufahren: „Aber ein neues wird erstehen. Unsere Aufgabe wird es sein, der jugendstark heranwachsenden Kultur der schwarzen Völker Achtung zu gewähren. „Genau 75 Jahre nach Frobenius wird die neue afrikanische Literatur und Kunst nach und nach in Europa zur Kenntnis genommen. Einer der wenigen Deutschen, die sich seit Jahren für diese Entwicklung eingesetzt haben, ist der Fürther Arzt, Galerist und Sammler Bernd Kleine-Gunk.


Seine Pioniertaten dokumentieren derzeit zwei außergewöhnliche Ausstellungen. Auf dem Gelände der Fürther Euro-Med-Klinik ist ein Großteil der privaten Kollektion von Kleine-Gunk zu sehen. Die vom Sammler gegründete „Galerie ZAK“ zeigt ergänzend einige weitere wichtige Arbeiten führender Maler und Bildhauer aus verschiedenen Ländern Afrikas.

 

Beim Betrachten dieser faszinierenden, aber auch befremdlichen Gemälde und Skulpturen sollte der Europäer stets mitdenken, daß dies die Zeugnisse eines gewaltigen kulturellen Um- und Aufbruchs sind. Im alten Afrika gab es höchst kunstvoll gemachtes kultisches und profanes Gerät, eine Kunst in neuzeitlichen europäischen Sinn war jedoch unbekannt. Der schöne Gebrauchsgegenstand hatte seinen festen Platz im traditionellen Fest- und Alltagsleben der afrikanischen Völker, Malerei und Plastik als Luxusartikel, die lediglich zur Bereitung ästhetischen Wohlgefallens und zur Hebung der Wohnkultur dienen, wären für die Alten etwas ganz und gar Lächerliches und Sinnloses gewesen.


So ist es nicht erstaunlich, daß ein moderner Künstler immer noch ein vielfach als Narr und Kindskopf belächelter Außenseiter in der afrikanischen Gesellschaft ist. Erst wenn er auf die Anerkennung durch europäische und nordamerikanische Sammler und Ausstellungsmacher verweisen kann, wird er in seiner Heimat – zögerlich – ernst genommen. Die prominentesten Repräsentanten jener „jugendstarken“ postkolonialen afrikanischen Kunst, von der Frobenius einst träumte, verdanken (groteskerweise) ihren Ruhm weitgehend den Angehörigen der einstigen Kolonialvölker.


Auch für die Mehrheit der in Fürth präsenten Künstler trifft dies zu. Der absolute „Star“ der afrikanischen Kunstszene, der Nigerianer Twins Seven Seven, wurde einst von Ulli Beier, dem späteren Leiter des Bayreuther „Iwalewa-Hauses“, entdeckt; Richard Onyango aus Kenia ist ein künstlerisches Ziehkind des italienischen Malers Sarenco. Seven Sevens und Onyangos Arbeiten bilden nicht nur das optische Zentrum der beiden Fürther Ausstellungen, ihre Bilder markieren auch die beiden entgegengesetzten programmatischen Positionen der zeitgenössischen Kunst Afrikas.


Seven Seven versucht mit seinen ornamentalen Zeichnungen und bemalten Reliefs eine schöpferische Weiterentwicklung altafrikanischer Formen und Inhalte. Onyango dagegen hat eine geschichtslose, an europäischen Filmplakaten und Zeitschriftenfotos orientierte (zutiefst unafrikanische) Variante des „realistischen“ Tafelbildes entwickelt.


Irgendwo zwischen diesen beiden Extremen angesiedelt, ist ein weiterer Ausstellungsschwerpunkt: die Skulpturen aus Holz, Stein und Eisenschrott aus Zimbabwe. Wenn sich zu Beginn unseres Jahrhunderts europäische Künstler von traditioneller afrikanischer Kunst haben anregen lassen, dann haben sie ähnliche Mischformen geschaffen wie heute – aus der umgekehrten Perspektive -, die Bildhauer Martin Mushoma, Isaia Manzini, Bernard Matemera. Ihre – im besten Sinne phantastisch wuchernden – Schöpfungen zeigen eine Vitalität und gleichzeitig eine Stil-Sicherheit, die manches partielle Unbehagen am Kunstbegriff und am Ausdruckswillen heimischer Künstler bestärken dürfte.

 

Im Gegensatz zu den oft doch recht saft- und kraftlosen esoterischen Produkten westlicher Kunst, spiegeln die Exponate der Fürther Ausstellungen den Geist einer Gesellschaft die noch nicht verlernt hat, auf eine bessere Zukunft zu hoffen. Afrikanische Künstler wie Joel Oswaggo oder Zachariah Mbutha aus Kenia dokumentieren nicht zuletzt die (nicht selten schmerzhaften) Lernprozesse auf dem Weg dorthin.