ARCHIVE 1996

Stadttheater Fürth, erbaut 1901/1902 von den Architekten Fellner und Helmer.

 

Spiel mit dem Raum - Spiel mit dem Licht

Gerhard Hotter

Stadttheater Fürth

Fürth (Bavaria)

15.12.1996 – 29.01.1997

Artworks

Gerhard Hotter

Press Archive

Fürther Nachrichten, 1996, REGINA URBAN

 

Spiel mit Raum, Licht und Perspektive

Ausstellung von Gerhard Hotter im Stadttheater – Vielschichtige Entdeckungsreise durch eine scheinbar aufgeräumte Welt

 

In den Bildern von Gerhard Hotter herrscht Ordnung. Aus klaren geometrischen Figuren, exakt einander zugeordnet, wird eine aufgeräumte Welt erbaut. Hauswände, ohne jeden Durchschlupf, Dächer, Felsblöcke, Bauklötze, die zu neuen Figuren zusammengestellt sind. Auf den ersten Blick eine einfach zu fassende Welt, die so wohl organisiert ist, daß kaum Raum für Irritationen und freie Imaginationen bleibt.

 

Der erste Blick täuscht, Spiel mit dem Raum – Spiel mit dem Licht“ heißt die Ausstellung des Nürnberger Künstlers und Kunsterziehers, die jetzt im Foyer des Stadttheaters zu besichtigen ist. Der Titel führt in die richtige Richtung – nämlich die strenge formale Ordnung zu durchbrechen und sich auf die von Hotter geschaffenen Räume, Licht- und Perspektivspiele einzulassen. Dann tut sich eine Welt auf, die ein breites Spektrum umfasst, in der es sichere Zufluchtstätten ebenso gibt wie spannungsgeladene, brüchige, einsame und verspielte Szenarien.

 

Schützende Mauern

Die Ausstellung umfasst zwei inhaltlich zwar verwandte, von der äußeren Form her jedoch sehr unterschiedliche Blöcke. Da sind einmal die großformatigen Aquarell- und Fettstiftbilder, die von Mauern, Quadern, Hauswänden und Dächern ausgefüllt werden. Scheinbar undurchdringliche Bollwerke, aber nicht mit feindseligem Charakter, sondern mit schützender Funktion für den, der sich hinter diesen Mauern befindet. So dient das Dach, selbst wenn der Rost herunterläuft, immer als in den Himmel ragende Spitze zur Abwehr eventuellen Ungemachs. Das Verläßliche dieser Bollwerke kommt auch durch die Farbe zum Ausdruck. Tiefes Königsblau herrscht vor – für Hotter die Farbe, die Ruhe vermittelt.

 

Ein Gefühl von Spannung und Zerstörung hingegen enthalten seine großen, massiven Felsengebilde. Durch einen breiten Spalt wurde einmal der Blick freigegeben auf ein leuchtendes Gelb - „Die Kraft aus dem Inneren -, ein anderes Mal werden die auseinanderberstenden Steinblöcke mit Eisenträgern mühsam zusammengehalten, ein drittes Mal geht das Verbindungsstück ins Leere – eisernes Sprungbrett über dem Abgrund.

 

Zu den großformatigen Bildern gehört außerdem ein sechsteiliges Werk, das einen blauen Karton aus immer neuer Perspektive und mit jeweils wechselnder gelber Seite zeigt. „Positionswechsel“ lautet der Titel, der sich nicht nur auf das Objekt bezieht, sondern zugleich eine Aufforderung an den Betrachter ist, seinen Standpunkt zu reflektieren und zu variieren.

 

Hotters zweiter großer Werkblock sind kleinere, fast niedliche Farbstiftzeichnungen mit akkurat ausgemalten Bauklötzen in verschiedenen Kombinationen. Erinnerung an längst entsorgtes Kinderspielzeug. Der Eindruck von bunter Harmlosigkeit fällt jedoch abrupt in sich zusammen, wenn ein kleiner gelber Dreieckklotz auf dem Boden eines hohen blauen Raumes zum Sinnbild für trauriges Alleinsein, für das Verlassenheitsgefühl eines Kindes wird. Da vermittelt die Farbe blau nicht mehr Ruhe, sondern Kälte, und der Raum ist kein Ort der Geborgenheit, sondern eine Zelle.

 

Konstruktivistische Tendenz

Eine Tendenz zum Konstruktivismus zeigen zwölf kleine „Dialog“ Bilder, in denen Hotter seine Bauklotzkompositionen jeweils als Farbstiftzeichnung und als Aquarell gegenüberstellt. Die Aquarelle sind dabei von leichter, mediterraner Farbigkeit und zugleich die jüngsten Versuche des Künstlers das Bildmotiv noch stärker auf seine wesentlichen Strukturen zu reduzieren.

 

Am augenfälligsten wird das Spiel mit Raum, Licht und Perspektive schließlich in den „Bühnenbildern“ Hotters, in denen er seine großformatigen Arbeiten und seine Klötzchenzeichnungen zusammenbringt. In gemalten hohen Stelen öffnet sich oben eine Guckkastenbühne, in denen die Bauklötze wie Kulissenteile hin- und hergeschoben werden: „Spielräume“, „Spielgehäuse“ werden hier dargestellt.

 

Gänzlich aus dem Rahmen fällt ein Bild wie eine Strichmännchenzeichnung auf einer rissigen Mauer mit Einschusslöchern: die dunklen Löcher sind die toten Augen des Kreidemädchens, ein Schuß trifft mitten im Bauch. Hotter sagt, er musste dieses Bild malen, nachdem er einen Fernsehbericht über einen zerstörten Kindergarten im serbisch-bosnischen Krieg gesehen hatte.

Invitation Archive