ARCHIVE

„Neue Textile Arbeiten“

Hanns Herpich

Stadttheater Fürth, Bavaria

15.01. – 15.03.2006

Fürther Nachrichten, 2006, CLAUDIA SCHULLER

 

Ein spannender Stoff für philosophische Gedanken

Arbeiten von Hanns Herpich sträuben sich gegen oberflächliche Betrachtung – Feine Strukturen und Nuancen

Hanns Herpich bei der Vernissage seiner Ausstellung im Fürther Theaterfoyer. Foto: Jans-Joachim Winckler

Es gibt derzeit unter jungen Designern eine Strömung, Textiles für ungewöhnliche Zwecke zu benutzen, zum Beispiel als Schmuck oder Raumaccessoire. Je verrückter, je lieber. Hanns Herpich wäre das zu marktschreierisch. Er erschafft eine eigene Form sensibler textiler Bilder, malt ohne jede Effekthascherei mit Stoffen.

 

Gut könnten seine Arbeiten über dem Sofa hängen – wenn man ein riesiges Wohnzimmer sein Eigen nennt und auf eine kontemplative, absolut ruhige Atmosphäre Wert legt. Und doch ist Herpich auf der Höhe der Zeit, verwendet gerne Modefarben wie etwa Magenta, gemischt mit Rot und Orange, was wiederum manchen Modedesigner anregen könnte.

 

Herpich aber würde seine handgewebten Stoffe kaum für Röcke und Blusen opfern. Bei dem ehemaligen Professor und Präsidenten der Akademie der Bildenden Künste ist das Material nicht Träger von Bildwelten, sondern soll für sich stehen. Das textile Gewebe selbst ist das Objekt, das Kunstwerk.

 

Versteckte Nuancen

Zart schimmern monochrome Flächen, in die verschiedenartige Stoffe eingewoben sind, so dass bei genauem Hinsehen Reliefs und fließende Übergänge entstehen. Seidiges und Raues durchdringen einander, bilden winzige Berge und Täler. Da gibt es nuancierte Weiß- und Schwarzmodulationen oder gelbe Punkte, die sich nur dadurch unterscheiden, auf welchen Untergrund sie jeweils gesetzt sind.

 

Erst mehrere Arbeiten in einer Reihe ergeben eine Aussage, daher gehört es zu Herpichs Prinzipien, nie ein einzelnes Werk zu produzieren. Genug Stoff, um philosophische Gedanken über Mensch und Natur, Unikat und Plagiat anzustoßen. Es gibt keine einfachen Lösungen oder vorgefertigten Wahrheiten in Herpichs Sicht. Das wird auch deutlich, wenn die Worte „Schwarz, weiß und grau“ auftauchen. Zuerst ist jedes Wort in der passenden Farbe dargestellt, dann aber verschwindet mal das eine, mal das andere, weil der Hintergrund es verschluckt. Und zuletzt ist die Verwirrung komplett, denn Wort und Farbe stimmen überhaupt nicht mehr überein. Automatisch sucht das Gehirn nach Regeln, Bezügen, ohne jedoch fündig zu werden. Geometrische Abstraktion auf höchstem Niveau, die jedoch nicht dem Selbstzweck dient, sondern immer wieder auf den Herstellungsprozess der gewebten Fläche verweist. Die materiellen Strukturen, seien es Kreise, Dreiecke, Streifen oder Worte, wollen in den Geweben eingeordnet und platziert werden. Und das zu bewerkstelligen, ist Herpichs hohe Kunst, die die aktuelle Ausstellung in Stadttheater meisterlich demonstriert.