ARCHIVE 2006

Stadttheater Fürth, erbaut 1901/1902 von den Architekten Fellner und Helmer.

 

„Leichtsinn“


Gabi Wisse


Stadttheater Fürth


Bavaria


07.05. – 09.07.2006

Fürther Nachrichten, 09.05.06, MARION REINHARDT

 

Gute Flächen unter guten Bildern

Wie kommt Kuhscheiße aufs Dach? Gabi Wisses Gemälde im Stadttheater-Foyer.

 

Der Impuls zu malen entspringt bei Gabi Wisse aus Freude und aus guter Laune. Das spürt der Betrachter auf den ersten Blick: Leuchtendes Orange, feuriges Rot, knalliges Pink, sattes Grün entfalten einen wahren Farbrausch. Wisses abstrakte Bilder strahlen eine überwältigende Fröhlichkeit aus. So lautet auch der Titel ihrer Ausstellung im Foyer des Stadttheaters «Leichtsinn“.

 

Doch leichte Wege geht die Künstlerin mit ihrer Arbeit nicht. Im künstlerischen Prozess ringt sie mit sich und der Farbe, um diese Freude Gestalt werden zu lassen. «Das Sichtbarmachen ist ein Kampf“, bekennt Gabi Wisse, «und die Bilder sind doch nur zu 90 Prozent fertig oder gelungen. Das Loslassen dieser 90 Prozent tut weh und ist der eigentliche Kampf.“

 

Da ihren Arbeiten eben immer noch zehn Prozent zur Vollendung fehlen, gibt die Malerin ihnen weder Titel noch Signatur. Denn es könnte gut möglich sein, dass sie ein Werk nach Jahren wieder zur Hand nimmt mit dem Gefühl, dass ihm noch etwas fehlt. Dann schreckt sie auch nicht davor zurück, es zu übermalen — anstatt eines Portraits kann so im Prozess der Überarbeitung schließlich ein abstraktes Gemälde entstehen.

 

Überschüssige Farbe

Viele ihrer Arbeiten kommen so auf 30 bis 50 verschiedene Schichten, die übereinander liegen. Wisse ist der Überzeugung, dass unter jedes gute Bild eine gute Fläche gehört, die durchaus auch aus abgestrichener, überschüssiger Farbe bestehen kann. Wichtig ist, dass der alte Untergrund an den richtigen Stellen hervorblitzt.

 

Wisse lebt im westfälischen Lüdinghausen, wo sie eine Ausbildung am Institut für Gestaltung absolvierte. Es folgten Fortbildungen und Seminare für Malerei und Gestaltung, bis sie 1990 als Dozentin an die Kunstschule Lüdinghausen kam. Seit 2001 ist sie deren Leiterin. Die im Stadttheater ausgestellten und von John Hammonds Art-Agency präsentierten Arbeiten sind größtenteils in Acryl gemalt. Doch im Lauf der Bearbeitung setzt Wisse eine schier unerschöpfliche Vielfalt an weiteren Techniken ein: Sie überzeichnet mit Kreide, übermalt eingearbeiteten Stoff, setzt ausgerissene Kartonelemente ein, die Farbe verläuft, tropft oder wird pastos aufgetragen, und eingeritzte Texte oder Wortfetzen ergänzen die Farbflächen.

 

Zu ihren jüngsten Arbeiten gehören Bilder von Schweinen und Kühen, die sie in der ihr eigenen Art und Weise verfremdet. Nach Jahren abstrakter Malerei kehrt die Künstlerin damit nun wieder zum Gegenständlichen zurück und beweist dabei auch Sinn für Humor, wenn sie mit einem eingeritzten Reim der Frage nachgeht, wie die sprichwörtliche Kuhscheiße aufs Dach kommt.