ARCHIVE 2014

Exhibitions 2014    Artists A - Z

 

„Sport“, Béla Faragó, Sparkasse Fürth, Fürth (Bavaria), 17.07. - 08.08.2014

Vernissage: 16.07.2014

Einführung: Fritz Schnetzer (Autor)

Fortsetzung

 

Aber hier geht es um Sport. Denken wir nicht alle dabei an Schönheit, Leichtigkeit, Fairness, an wohlgestaltete Körper, in denen ein gesunder Geist mit einem zumindest durchschnittlichen Intelligenzquotienten wohnt.  Übermäßige Aggressivität ist dabei zwar gelegentlich brauchbar, zerstört aber in allzu unverbrämter Form den olympischen Frieden.

 

Sommer 2014. Sommer 1914. Die Geburt des Schreckens der Moderne. Vor 100 Jahren brach das Chaos aus, der Zivilisationsbruch. Zuerst wurde er als freudiges Chaos, als erlösendes Event empfunden , als sportlich anmutendes Reitturnier, als Military Rennen über Stacheldraht hinweg, Zweikämpfe mit leicht ritterlichem Anflug, aber tödlichem Ausgang und anschließender Totenehrung. Und dann wurden die Waffen todbringender, man starb nicht mehr einzeln, sondern im Kollektiv.

 

Es ist nur Sport, aber die Ernsthaftigkeit der Auseinandersetzungen, die Kampfmetaphern und das Geschrei erinnern daran, dass „Sport“ und „Mord“ nicht nur Reimwörter sind. Massensport, Weltmeisterschaften sind nationale Großveranstaltungen, sehr viel Geld ist dabei im Spiel und jeder Zuschauer, ob im Stadion oder vor dem Fernseher, ist nicht nur Sportrichter, sondern auch Scharfrichter.

 

Béla Faragó ist ein Meister der Beobachtung, ein Mensch mit einem sehr großen Wissen, das von Erfahrung, umfangreichen vergleichenden Kunststudien und einem scharfen Blick hinter die Fassaden geprägt ist. Zwei Berufe beschäftigen ihn beinahe im gleichen Maße, seine Arbeit als Restaurator und Gutachter, hinter der dritten oder vierten Putzschicht entdeckt er detektivisch das Unzerstörbare, das Besondere, den ursprünglichen Stil.

 

Ähnlich geht er als Zeichner vor, den Menschen wurde zwar das Gesicht genommen, sie wurden gehäutet, sie quälen sich und andere, sie sind Massenwesen und sind doch so sehr wie wir alle auf der Suche nach Individualität. Béla Faragó ist von Georg Baselitz geprägt, bei dem er studierte und von dem er auch den lockeren, genial hin getuschten Strich übernommen hat. Menschenbilder wie von leichter Hand gemacht, aber auch Goya steht Pate und natürlich Francis Bacon mit seinen wunden Gesichtern. Ecce homo.

 

Es gibt nichts Unschuldiges in Béla Faragós Sport-Landschaften, die Gewinner sind es nicht und nicht die Verlierer. Die Sportler, die die Hänge herab wedeln sind bedroht von abweisenden, Lawinen spendenden Bergen, und die eleganten Skilangläufer sprinten vorbei an offenen Gletschermäulern, aber das alles nimmt man nicht wahr. Auf einem anderen, eindrucksvollem Bild riesenhaften Bild, nicht in dieser Ausstellung, tanzen unbeschwerte Eisläufer vor einem Atompilz. Hokussais Gemälde „Die Welle“ hatte ich da vor Augen, schmale, lange Boote, die gegen  Tsunamiwellen ankämpfen so wie Captain Ahab seinen weißen Wal besiegen musste. Der große, nicht nur japanische Mythos: Wir haben alles im Griff. Wir besiegen die Natur und nicht nur die Natur, auch jeden Konkurrenten und wenn es sein muss – auch uns selbst.

 

Aber der schöne Traum , er ist doch nur ein vorüber gehendes Atemholen vor dem Schrecken. Der niederländische Maler Armando, dessen Bilder mich auch an Faragó denken lassen, sagte einmal: „Schönheit, Schönheit? Wenn du nur eben um die Schönheit herumgehst, siehst du den Beginn eines langen, angstvollen Schreis. Das darf ich nicht verschweigen.“

 

Sportlerherden traben im großen Pulk durch Städte, über Landstraßen, durch Wälder, alle geschmückt mit dem Nike-Zeichen, dem Siegeszeichen, doch sind scheinen sie Getriebene zu sein, wie Vertriebene wirken sie, verstört und ausgetrocknet, ein merkwürdiger Widerpart zu dem, was wir alltäglich auf den Bildschirmen zu sehen gezwungen sind.

 

Großes Theater in den Stadien, das ist das eine. Große Fassade.  Der argentinische Spieler Messi zum Beispiel als Messias. Mit ausgebreiteten Armen kniet er in der Arena nach einem erlösenden Tor, er nimmt  Ovationen dankbar entgegen, er fordert  Ovationen. Bei Béla Faragó ist dieser Erlöser abgezehrt, hager, leer. Das Publikum ist verschwunden, es bleiben der Schmerz, die Tränen, die Enttäuschung, die Erinnerung an Größe, die die Verachtung nicht überlebt.

 

Béla Faragó muss die Spiele nicht anschauen, er weiß: Götter werden gemacht, Götter werden geschlachtet, das tut den Göttern sehr weh, aber sie machen weiter, fallen über Hürden wie Gekreuzigte und werden gezwungen, die Pfiffe, die gesenkten Daumen, die Schmährufe in Kauf zu nehmen. Vae Victis. Wehe den Besiegten. Der sportliche Supergau. Hinrichtung droht nicht mehr, aber der zerknirschte Kotau wird verlangt: Ich entschuldige mich hiermit bei meinem großen XYZ- Volk. Bayreuth ist überall. Götterdämmerungen finden statt in Zeiten, in denen der große Gott zwar verschwunden ist, die hausgemachten und hoch gesponserten kleinen Götter aber Schlange stehen.

 

„Die Angst des Torwarts vor dem Elfmeter“ oder „Die Einsamkeit des Langstreckenläufers“ Einsamkeiten überall, in der Masse, angesichts der Masse. Ein Golfspieler steht allein, mit erhobenem Schläger, das Publikum lässt nur eine schmale Schneise frei, bis hin zum Horizont. Keine Fluchtmöglichkeit. Kein Ort nirgends.

 

Béla Faragó ist als Zeichner ein hoch dramatischer Erzähler, fortlaufende Bildergeschichten entstehen mit Hilfe von aquarellierender Tusche, Bleistift, Kreide und Kohle. Bewegung erzeugt er so mit leichter Hand, Leichtigkeit oder Schwere  bilden sich durch mal enger, dichter, bald wieder locker strukturierenden beinahe parallelen farbigen Buntstift – oder Kreidelinien.

 

Faszination und Gewalt ist der Titel der Dauerausstellung im Dokumentationszentrum Nürnberg. Die großformatigen Sumoringer drücken dies besonders stark aus. Diese hoch gemästeten und doch muskelstarken Kampfelefanten der Lüfte, wir erleben sie hier Licht durchflutet in der Endphase des Sturzes. Entwurzelt, ausgehebelt sind sie beide. Aber es gibt  keinen Sieger, keinen Verlierer. Beide sind miteinander verschlungene siamesische Zwillinge. Ich lasse dich nicht, es sei denn, du gibst auf. Aber keiner gibt nach in seiner Siegeswilleneinsamkeit. So müssen sie denn weiter ringen in alle Ewigkeiten. Bei einem weiteren Ringerpaar lösen sich die Konturen  bereits auf. Aquarellverwesungsflächen nennt Béla Faragó diesen übermenschlichen Zustand. Auf dem Weg in den Sportlerhimmel.

 

Ödön von Horvath, Theaterschriftsteller, der das nationalsozialistische Endzeitszenario schon früh voraus gesehen hat, schrieb nebenher, mit leichter Hand wie Béla Faragó, eine Reihe von Sportmärchen. Unheimliche Märchen wie diese hier auf der Leinwand.

Zum Beispiel:

Was ist das?

Zwei Schwergewichte werden als Zwillinge geboren und hassen sich schon in der ersten Runde ihres Daseins. Aber nie reicht die Kraft, um den anderen im freien Stil zu erwürgen, nie wirken die heimlich im Ring verabreichten Gifte genügend gefährlich und alle Schüsse aus dem Hinterhalt prallen von den zu Stein trainierten Muskelteilen (vom Gürtel aufwärts) ab.

Und so leben die beiden 9o Lenze lang.

Aber eines Nachts schläft der eine beim offen gelassenen Fenster, hustet dann morgens und stirbt noch am selbigen Abend.

Was ist das?

Ein Punktsieg.

 

Und so wäre noch viel zu erzählen. Béla Faragó, ein empathischer Visionär mit wundem Herzen.

Auf einem seiner Bilder zeigt er eine dunkle Gestalt, die einen anderen Spieler von hinten anspringt.

 

Dieser heftige Sprung löste kollektive Verzweiflung in Brasilien aus  und hier zu Lande, einen Euphorieschub. Siegfrieds Tod erleben wir, also Neymars Verletzung. Aber sind wir nicht alle ein wenig Hagen oder, zeitgenössisch ausgedrückt, ein wenig uruguayische Kampfbeißer.?

Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.

 

In dieser Ausstellung werden Helden relativiert. In den Boxbildern sehe ich den kalten, abschätzenden, fast entmenschten Blick des Ringrichters. Der massive Boxer. Das Opfer liegt am Boden. Die gierige, dicht gedrängte Masse. Macht und Ohnmacht. Auf einem weiteren Boxerbild blickt ein Schwergewichtsboxer fürsorglich fast , prüfend , auf sein Opfer. Rot violetter Hintergrund. Zärtlicher Blick eines Henkers. Komm, Kleiner, ich tu dir nicht weh!

 

Nach dem nationalen Rausch. Es lohnt sich, Einsamkeit, das Hässliche im Schönen und das Schöne im Untergang auszuhalten.

Sind das hier Wohnzimmerbilder? Wer weiß. Der Ur-Opa war 1914 vielleicht bei der Kavallerie. Ein stürzender Jockey, wäre das kein Erinnerungsbild?

 

Ich verabschiede mich mit einem weiteren Horvarth

Regatta

Tausend Fähnlein flattern im Wind/ regettete, regattata/

In 100 Segel speit der Wind/ huuu/

Einer wird Erster, einer wird Letzter/ Regatta/

Einer ist munter/ regattatatatarara!!!

Einer geht unter