ARCHIVE 2021

Stadttheater Fürth, built by the architects Fellner and Helmer 1901/1902. © John Hammond

 

Angerer der Ältere

MUTIGE KUNST

 

Stadttheater Fürth

Königstr. 116, 90762 Fürth, Germany

 

19.09. - 23.11.2021

 

Vernissage: 19.09.2021 

 

 

 

 

Vernissage: 19.09.2021

Virtual Tour

Press Archive

Fürther Nachrichten, 11.10.2021, SABINE REMPE

 

Fantast mit Neigung zu Opulenz und Mystik

WERKSCHAU Angerer der Ältere zeigt im Stadttheater Fabelhaftes. Ausstellungsmacher John Hammond bespielt die Foyers seit 30 Jahren

Galerist John Hammond (rechts) hat Ludwig Valentin Angerer alias Angerer den Älteren und seine Werke ins Stadttheater geholt. Foto: Hans-Joachim Winckler

 

FÜRTH - Er ist der Herr des Fantastischen. Eine Kunstfertigkeit, die Anerer der Ältere mit Lust beherrscht. Nachzuprüfen ist das noch bis 23. November in den Foyers des Stadttheaters Fürth. Die Werkschau des Künstlers offenbart rasch, warum sich angesichts seiner Arbeiten von jeher Lobeshymnen und deutliche Kritik die Waage halten. Unbestritten sein dürfte eigentlich, dass der 83-Jährige zur Opulenz neigt.

 

Angerers Bilderwelten sind Kopfgeburten, aufgeladen mit breitgefächerter Bedeutung und verwurzelt in einer gegenständlichen, altmeisterlichen Technik. Ganz fraglos verfügt der Künstler über ein reiches Repertoire an Zitaten. Daraus bedient er sich mit leichter Hand und setzt zum Beispiel sein Einhorn in eine Ruinenkulisse, die als Motiv wahrscheinlich auch Caspar David Friedrich zugesagt hätte. Immer wieder erscheinen mystische Symbole und Andeutungen aus der Mythologie.

 

Dramatische Lichteffekte, die aus Wolken und Gewölben ins Zwielicht wallen, setzen spektakuläre Effekte. Nicht zuletzt dieses fleißig genutzte Mittel vermittelt den Eindruck, dass hier Bühnenbilder, Videospiel- oder Filmwelten zu sehen sind. Angerer der Ältere hat in dieser Richtung gearbeitet und Lorbeeren errungen: Für seine konzeptionellen Ideen zu "Die unendliche Geschichte II - Auf der Suche nach Phantasien" nach dem Erfolgsroman von Michael Ende wurde der Künstler 1989 mit dem Bayerischen Filmpreis ausgezeichnet.

 

Auch die uniforme Menschenmasse die er in seinem Bild "Das Licht der Welt" auflaufen lässt, mag einen an die Ästhetik von Fritz Langs Monumentalwerk "Metropolis" erinnern, allerdings paart Angerer dieses Element mit einem barocken Christkind in einer strahlenden Gloriole. Sakrale Zeichen und religiös Symbole lassen sich viele finden in seinem Werk, was freilich kein Zufall ist. "Christliche Kunst" ist ein großes Thema für den Niederbayern, der sich 2009 dafür einsetzte, dass eine von ihm entworfene 55 Meter hohe Christusstatue am Ortsrand von Wassertrüdingen im Landkreis Ansbach errichtet wird - als "Zeichen christlichen Glaubens in apokalyptischen Zeiten". Vertreter der katholischen und evangelischen Kirche waren sich damals in ihrer Ablehnung des Monumental-Heilands einig. Auch in Bad Reichenhall, dem Geburtsort des Künstlers, kam die geplante Riesenstatue bislang nicht zur Aufstellung.

 

Ludwig Valentin Angerer ist vielseitig. er hat Architektur studiert und besuchte vier weitere Jahre die Kunstakademie. In seiner Vita stellt er sich als Architekt, Filmarchitekt, Kunstmaler, Bildhauer, Bühnenbildner, Schriftsteller und Designer vor. Als Autor trat er zum Beispiel mit seiner geharnischten "Kulturpause - Streitschrift wider den Zeitgeist" hervor. Das Hier und Jetzt in allen denkbaren Facetten trifft sein Bannstrahl. Seine Sehnsucht ist es, erklärte Angerer wiederholt, der Kunst "Schönheit, Phantasie, Geheimnis und Mytos zurückzugeben". Klingt groß und wirft angesichts seiner Arbeiten viele Fragen auf.

 

Warum zum Beispiel wird bei ihm das Bundeskanzleramt zum "Bundeskartenhaus"? Den Bau im Spreebogen hat er dafür mit Spielkarten nachgebildet, von links oben pusten zwei Windmacher - exakt die gleichen, die einst schon Botticelli seine frisch geschlüpfte Venus anhauchen ließ - das Verderben ins wankende Gebilde. Was sagt uns das? Hegt Angerer Zweifel an der Demokratie? An diesem Staat? Keineswegs selbsterklärend ist zum Beispiel auch seine "Bayerische Weltraumbasis II", die sich die Befreiungshalle von Kelheim als Basis erkoren hat. Blitzt hier möglicherweise Witz auf?

 

Reichlich Gesprächsstoff
Ins Stadttheater gebracht wurde diese Ausstellung wieder von der Art-Agency Hammond, und für John Hammond ist das ein Jubiläum: Seit 30 Jahren steht der gebürtige Engländer, der - eine Brexit-Folge - seit kurzem auch die deutsche Staatsbürgerschaft hat, mit seinen vielfältigen Ausstellungen dafür, dass der Kunstgenuss in der Pause weitergeht.

 

Fabelhaft, wenn wie bei Angerer dem Älteren, die Schau für reichlich Gesprächsstoff sorgt. Ziemlich eindeutig ist diesmal wenigstens ein relativ kleinformatiges Werk des Künstlers: "Insalata di Mare" richtet appetitlich einen Hummer, Austern und Sardinen in einer großen Muschel an. Daran kuschelt sich eine barbusige Meerfrau. Hach ja, die Schönheit der Kunst.

Hallertauer Zeitung, 02.09.2021, HARRY BRUCKMEIER

 

„Mutige Kunst“
Ludwig Angerers Ausstellung im Stadttheater Fürth kann endlich starten

Das Licht der Welt“ ist eines der Werke von Ludwig Angerer d.Ä., die bei der Ausstellung im Stadttheater Fürth zu sehen sein werden. Bildquelle: Atelier Ludwig Angerer d.Ä.

 

Mit einiger Verspätung startet jetzt die Ausstellung „Mutige Kunst“ des in Biburg lebenden und arbeitenden Malers Ludwig Angerer d.Ä. im Stadttheater Fürth. Die Präsentation, die dort bis zum 23. November zu sehen sein wird, entstand in Zusammenarbeit mit der Art-Agency Hammond des britischen Galeristen und Künsthändlers John Hammond und seiner Frau Renate, die das Frankenland zu ihrer Wahlheimat gemacht haben.

 

Die Präsentation in Franken musste coronabedingt um fast ein Jahr verschoben werden - und damit hat der Titel eine ganz neue Bedeutung bekommen. Denn nachdem der Kulturbetrieb monatelang am Boden lag, wollen die Kulturschaffenden, so wie Ludwig Angerer d.Ä., nun mit Zuversicht und Mut in die Zukunft gehen.

 

Die Einführung zur Vernissage am Sonntag, 19. September, um 11 Uhr übernimmt Frank Remmert. Geboren 1966 in Minden in Nordrhein-Westfalen, arbeitet er seit Mai 2017 als Redakteur bei rheinmaintv. Zuvor war er 16 Jahre lang beim öffentlich-rechtlichen Fernsehen, zuletzt beim WDR. Als Fernsehredakteur war er unter anderem verantwortlich für die „Lokalzeit OWL“. Beim Bayerischen Rundfunk war er als Autor von Magazinbeiträgen für die Sendung „Frankenschau“ tätig und hat damit einen Bezug zur Region. Weitere Erfahrungen sammelte der Journalist beim Regensburger Lokalsender TVA Ostbayern, unter anderem als Redakteur und Moderator einer Wirtschaftssendung, die hohe Einschaltquoten erzielte.

 

Sein Volontariat absolvierte Remmert in der einstigen Erlanger Talentschmiede „FF Franken Fernsehen“. Er studierte Theaterwissenschaft, Neuere deutsche Literatur und Philosophie an der FAU Erlangen-Nürnberg. Danach arbeitete er noch als Produktionsassistent bei dem Filmdrama „Seven Servants“ (1996) - in der Hauptrolle kein Geringerer als Anthony Quinn. Frank Remmert lebt in Mörfelden, Porta Westfalica, Würzburg und Cuxhaven.

 

„Geistige Rückeroberung der Welt“ 

Ludwig Angerer selbst sagt zu seiner Ausstellung „Mutige Kunst“: „Die Rückkehr des Menschen in die Kunst erzwingt geradezu eine geistige Rückeroberung der Welt. Keine dieser aufgeladenen moralischen Weltbeglückereien haben mich zum Künstler werden lassen, allein meine kindliche Freude am Zeichnen, Malen und Formen bewegte mich
damals und auch heute. Nicht dem pseudointellektuellen gesteuerten Chaos und Verwirrendem galt mein Interesse, sondern dem Ewigen in der Kunst, dem Unerklärlichen, dem Geheimnisvollen - der Schönheit!“ Und weiter sagt der Künstler: „Ständig hört man von Kunstexperten, dieser oder jener Künstler sei - als wäre dies ein Gütezeichen - ,seiner Zeit voraus‘. So gesehen waren Michelangelo und Kandinsky sicher ,ihrer Zeit voraus‘, der Letztere allerdings auf dem Weg in die Zeit des kulturellen Niedergangs. Nun werde ich von beflissenen Modernisten als 'traditionsbelasteter Reaktionär‘ erklärt und damit zum neuen Typus des Außenseiters. Das erfordert Mut!“

 

Vielseitig begabter Künstler
Der Titel des von Ludwig Angerer d.Ä. vor Jahren herausgegebenen, prächtigen Kunstbandes „Die Rückkehr des Menschen in die Kunst“ (Verlag Kastner) korrespondiert mit dem weltberühmten Buch des spanischen Kulturphilosophen Ortèga y Gasset „Die Vertreibung des Menschen aus der Kunst“. Der in Biburg lebende und arbeitende Maler ist einer der vielseitig begabtesten Künstler dieses Jahrhunderts. Wenn es in den USA um fantastische Filmwelten geht, führt der Weg an Niederbayern nicht vorbei. Angerer der Ältere konnte mit seinen kreativen konzeptionellen Ideen zur „The Neverending Story II“ (Production Warner Bros.) nicht nur den Bayerischen Filmpreis ergattern, sondern nachhaltig ein Millionenpublikum begeistern. Seine fantastischen Bilder verkaufen sich
weltweit.

Artworks

Angerer der Ältere

Artist Profile

Angerer der Ältere

Angerer der Ältere, geboren 1938 in Bad Reichenhall, ist einer der vielseitig begabtesten Künstler unserer Zeit. Er lebt und arbeitet in Biburg, Niederbayern.
 

Nach seinem Architekturstudium in München (1957 - 1961) studierte er an der Akademie der Bildenden Künste Nürnberg bei Prof. Ruf (1961 - 1966).


Er ist tätig als Architekt, Filmarchitekt, Kunstmaler, Bildhauer, Bühnenbildner, Schriftsteller und Designer, zudem ist er Preisträger zahlreicher Architekturwettbewerbe.
 

Wenn es in den USA um fantastische Filmwelten geht, führt der Weg an Niederbayern nicht vorbei. Angerer der Ältere konnte mit seinen kreativen konzeptionellen Ideen zur „The Neverending Story II“ (Production Warner Bros.) nicht nur den Bayerischen Filmpreis ergattern, sondern nachhaltig ein Millionenpublikum begeistern.


Egal ob Leuchten Design oder andere Werke, zu seinen Kunden zählen neben privaten Sammlern beispielsweise das Nachrichtenmagazin ‚Der Spiegel’ oder er schuf aus einem Original Audi Getriebe die phantastische Getriebe-Burg.


Papst Benedikt XVI em., lobte die von Angerer dem Älteren entworfene und in Eigeninitiative gebaute Erlöserkapelle als „…endlich wieder wirkliche sakrale Kunst“. 
Angerer der Ältere war verantwortlich für Bühnenbild, Creatures und Kostüme in der Theateruraufführung von Tolkien’s „Der kleine Hobbit“. Er schuf auch das einmalige Grabmal für Michael Ende als großes Bronzebuch mit reliefartigen Fabelwesen.
Angerer der Ältere sieht seine Aufgabe darin, der Kunst wieder Schönheit, Phantasie, Geheimnis und Mythos zurückzugeben.

Invitation Archive

Welcome Introduction by Frank Remmert

 

Mutige Kunst 


– Rede zur Einführung in die Ausstellung im Stadttheater Fürth, 
von Frank Remmert

 

Lieber Ludwig,
liebe Margit,
Herr Intendant,
liebe Kunstfreundinnen und -Freunde!

 

Wir feiern heute einen Künstler, zu dessen hervorragenden Eigenschaften es gehört, dass er warten kann. Nicht auf internationale Anerkennung; mit ihr wurde er oft bedacht. Nicht auf den Lobgesang seiner Verehrer; dieser begleitet ihn seit Jahrzehnten ebenso wie die teils bösartige Kritik derer, die sein Werk ablehnen. 

 

Nein, der Mann, den wir unter dem Künstlernamen Angerer der Ältere kennen, versteht Warten in einem anderen Sinn als wir. Und genau deswegen sind wir hier im ehrwürdigen Fürther Stadttheater zusammengekommen, um uns von ihm Augen und Sinne öffnen zu lassen.

 

Es ist nicht bloß ein heiteres artistisches Spiel, das der Künstler uns aufgibt – es geht in seiner Kunst ums Ganze. Warum ist das so? - Stellen Sie sich vor, Sie könnten wie in einem Brennglas in einem einzigen lichterfüllten Moment sich selbst sehen: Sie selbst als Teil des Ganzen, als Teil der Schöpfung in ihrer Ganzheit. Genau dies zeigen die Kunstwerke Angerers des Älteren in meinem Verständnis. Und sie zeigen noch mehr: In Angerer dem Älteren erkennen wir einen Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Architekten, der uns   den Augenblick neu sehen lehrt. Aber richtig verstanden: Jenen Augenblick, der in sich birgt die Ewigkeit. Antike Philosophen wie Platon und Plotin wussten von diesem Augenblick; ihnen hieß er das „Stehende Jetzt“: Das Stehende Jetzt, in dem die Zeiten zusammenfallen, ist eine Denkfigur, die uns Gegenwärtigen verloren gegangen ist. Künstler wie Angerer bewegt sie noch. Für die bedeutende jüdische Philosophin Hanna Arendt ist das „Stehende Jetzt“ geradezu die Vor-Bedingung aller Kunst, wenn sie schreibt: „Das Stehende Jetzt ist die eigentliche Heimat, die einzige Heimat von Geist, Seele und Kunst; der einzige Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen und wo die Muster und die Bedeutung des Ganzen klar werden.“

 

So verstanden, sehen wir in Ludwig Valentin Angerer einen Vertreter jener Kunst, der uns mit unseren inneren Bildern konfrontiert, so wie sie manchmal in Träumen aufscheinen. Gegenwart zeigt sich in seinen Bildern als der von Glück erfüllte ewige Augenblick. Und weil das so ist, erfahren wir, deren Augen und Sinne sich öffnen, das Glück, an diesem ewigen Augenblick teilhaben zu dürfen. Denn, verehrte Damen und Herren, jedes seiner Werke holt den verschütteten Teil Ihrer Seele ins Leben zurück, der unter dem Joch der Alltagswirklichkeit stöhnt und ächzt.

 

Wenn Sie dann noch vor seinen Bildern ausrufen: „Das ist ja fantastisch, das ist ja märchenhaft!“ Dann liegen Sie richtig. Und wie in der Welt der Märchen die Wünsche oft ohne unser Zutun in Erfüllung gehen, so erfüllt sich für uns jetzt endlich, dass die Ausstellung „Mutige Kunst“ unsere Seele mit dem Gold der Märchen und der Fantasie nähren darf. 

 

Für einen Künstler, der quasi auf Du und Du mit der Ewigkeit steht, ist es aber nur ein kurzer Moment, den er gewartet hat, ehe er seine Bilder hier vor Ihnen ausbreiten konnte, diese Auswahl repräsentativer Arbeiten, die der Fürther Galerist John Hammond kenntnisreich zusammengetragen hat. Seit einem Jahr wurde die Ausstellung immer wieder verschoben - der Pandemie wegen.

   

Erlauben Sie mir hierzu eine kleine Abschweifung: Die Pandemie, von Medien und Politikern zur Seuche des Jahrhunderts stilisiert, welchen Einfluss hat sie auf Angerers Werk? So gut wie keinen. Soziale Verwerfungen berühren diesen Künstler nicht. Unsere Endzeit mit ihrem Hedonismus und ihrer Geistlosigkeit, sie gilt ihm längst als überwunden. Eine neue Zeit bricht an, und der Mensch steigt in ihr wie Phönix aus der Asche. Als ich ihn dazu befragte, ob Corona ihn in irgendeiner Weise künstlerisch anrege, antwortete Angerer der Ältere entschieden: „Nein!“ 

 

Und doch: Es gibt ein Gemälde mit Corona-Bezug, das er Besuchern manchmal zeigt. Es heißt „der Seuchenchef“ und zeigt die Fratze eines unheimlichen Gnoms, der zu grinsen scheint, halb in seinem Korb versteckt. Oder stellt er seine Leidensmiene zur Schau? Wir wissen es nicht. Wirkt er glücklich oder unglücklich? Vielleicht nur gleichgültig?  Er hat die Physiognomie eines Toten, mit dunklen, leeren Augenhöhlen, obwohl er lebendig scheint. Einzelne Stellen seines Gesichts sind mit Blattgold belegt. Selten war der Künstler der Wahrheit näher als in diesem grotesken Antlitz. In seiner Mischung aus morbidem Charme und ästhetischer Überwältigung drückt es die ganze Dämonie der inneren Bilder aus, die uns fortan quälen, wenn wir an die Seuche denken und wie sie Einzug in unser Unterbewusstsein hält.    

Der „Seuchenchef“ hat unsere Ausstellung nicht heimgesucht. Statt seiner entdecken wir Arbeiten, die innere Kämpfe ganz anderer Art vermuten lassen. Dass sie endlich öffentlich zugänglich gemacht werden, dafür sind wir Intendant Werner Müller als Hausherrn und Herrn John Hammond sehr dankbar. Beide erlauben uns, einen Blick hinter den Schleier der Zeit zu werfen. Dafür sind wir dankbar in doppeltem Sinne: Denn so mutig wie unser Künstler sind auch die Möglichmacher dieser Ausstellung! Es ist keine Selbstverständlichkeit, an einem Ort, der sich in Schillers Sinne als moralische Anstalt versteht, einen Künstler zu präsentieren, der sich selbst „amoralisch“ und „unzeitgemäß“ nennt, der die Themen unserer Zeit wie Brexit, wie Corona oder deutsche Hybris allenfalls als beiläufiges Zitat oder als Groteske abhandelt. Das, wofür Theater steht, das Verhandeln über Menschen, die sich an anderen Menschen schuldig gemacht haben, ist seine Sache nicht. Dabei verbindet ihn, den Schöpfer von großartigen Filmkulissen, natürlich einiges mit dem Theater, man denke an den Film „Die Unendliche Geschichte, Teil 2“ und an seine Bühnenbilder für „Der Kleine Hobbit“. Auch sind manche seiner Gemälde so aufgebaut wie Theaterkulissen, mit kunstvoll drapierten Vorhängen, die sich gerade geöffnet haben und den Blick freigeben auf ein dramatisches Geschehen.

 

Nein: Angerer der Ältere ist kein politischer Künstler. Wenn er „Zeichen setzt“, so tut er dies nicht gegen soziale Ungerechtigkeit oder gegen den neoliberalen Spät-Kapitalismus. Für politische Parolen hat der 1938 in Bad Reichenhall geborene Anarch nichts übrig. Widerstand gegen den Zeitgeist leistet er auf andere Weise. Und die ist von existenzieller Bedeutung für die geistige Gesundheit des Einzelnen. 

In Angerer den Älteren haben wir es mit einem entschlossenen Kämpfer für das Individuum zu tun: Durchaus verstanden im aristokratischen Sinn als Herrschaft der Besten. Wir haben es zu tun mit einem Fürsprecher des Einzelnen, nicht des Kollektivs. Das Kollektiv hat so seine Tücken. Das zeigt das Titelbild unserer Ausstellung, genannt „Das Licht der Welt“: Das Kollektiv ist eine bleischwere uniforme Masse, der jedes Eigenleben fehlt. Gepanzerte, dunkle Wesen, maschinenhaft im Gleichschritt. Christus, das Ziel all dieser Geharnischten, ist noch da als „Licht der Welt“. Aber nur auf einige Wenige fällt sein Licht. Der Rest eilt am Kind vorbei. 

 

Den Menschen, so bekannte der Künstler, könne er sich gar nicht anders denken denn als Helden. Zum besseren Verständnis sei gesagt: Obwohl Angerer der Ältere für die Filmindustrie gearbeitet hat, so ist damit nicht der Held à la Hollywood gemeint, ein voraussetzungsloser Superman, der mit viel Action für Recht und Ordnung kämpft. Er meint damit den Helden in der antiken und christlichen Überlieferung: Den geistlichen Krieger, den Propheten, den sakralen Gottkönig – den Menschen also, der sich selbst überwindet oder, sublimer noch, der sich für die Gemeinschaft opfert. Damit steht er in fundamentalem Gegensatz zum heutigen Menschenbild. Manche Soziologen lehnen das Konzept des Helden schlichtweg ab. Sie sprechen lieber von unserem „postheroischen Zeitalter“. Mag sein, dass der Zeitgeist es so will. Doch unser Thema ist Mut. Und mutig ist es, sich dem allgegenwärtigen Nihilismus zu widersetzen. Angerer der Ältere tut dies im Beharren auf einen Archetypus im Menschen, der die Heldenreise seit Jahrtausenden einfordert: Die Heldenreise, wie Tiefenpsychologie und Mythologie sie als ein Rollenmodell für die Individuation verstehen.

  
Sehr verehrte Damen und Herren: Kommen wir noch einmal auf unser Titelbild zurück: „Das Licht der Welt“, offenbar ein Gemälde, das unsere Gegenwart nicht darstellt, ein unzeitgemäßes Bild, möchte man meinen. In Wirklichkeit aber macht es sie erst auf rätselhafte Weise sichtbar. Diese verirrten Seelen, Kreuzritter mit dem Lichtschwert in der Hand, vielleicht ist es gar nicht entscheidend, ob ihre Marschrichtung stimmt. Oder dass sie das Kind in seiner Aureole gar nicht wahrnehmen. Oder dass sie der Gruppendynamik zum Opfer fallen. Vielleicht ist es viel bedeutungsvoller, dass sie die Erdenschwere überwunden haben. Wie es scheint, existiert kein Boden mehr unter ihnen, sie stürmen voran über ein Geflecht aus bissigem Draht. Unter ihnen herrschen Licht und Leere. Wohlgemerkt rotes, irdisches Licht, Licht der Hölle, der sie gerade entrinnen. Einige von ihnen stehen bereits in vollem Glanz des wahren Lichts, das von dem Kind ausgeht. Sie stehen vor ihrer Mensch-Werdung. Vor diesem Hintergrund muss sich unsere erste Deutung ändern: Maß und Ziel verloren, aber immer noch auf dem Weg, nicht mehr geleitet von Christus, aber auf der Suche nach ihm, obwohl er doch so nah ist!

 

Wer also ist der Held, von dem Angerer der Ältere spricht, wenn er vom Menschen spricht? Wie wir sehen, ist es der Mensch, der sich in seinem Scheitern nur vor Gott verantwortet. Sein Werk zeigt sinnbildlich den nie abgeschlossenen inneren Weg der Menschheit als Ringen mit den Kräften von Gut und Böse. Das Leiden an der Zeitlichkeit alles Daseins, das Leiden an dem, was Menschen anderen Menschen antun, ist überwunden und überführt in ein utopisches Heilsversprechen. In letzter Konsequenz begehrt Angerer der Ältere auf gegen die entgöttlichte Welt, gegen die „metaphysische Obdachlosigkeit“ der Postmoderne und eröffnet damit den Blick auf die Zeit danach. In seiner Darstellung wird sie wieder von Humanität und Schönheit erfüllt sein. Denn sein Ziel ist es, den Menschen in die Kunst zurückzuführen, aus der er durch den Sündenfall von permanenter künstlerischer Revolution und Beliebigkeit gefallen ist.

 

Es bedarf des außerordentlichen Mutes, dem Repräsentanten einer solchen Kunst den ihr gebührenden Platz zu geben. Hier im Fürther Stadttheater erhaschen wir einen Blick auf das, was kommen mag, wenn wir nur wieder an die Kraft der Bilder glauben.  – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!