Mutige Kunst 


– Rede zur Einführung in die Ausstellung im Stadttheater Fürth, 
von Frank Remmert


Lieber Ludwig,
liebe Margit,
Herr Intendant,
liebe Kunstfreundinnen und -Freunde!

 

Wir feiern heute einen Künstler, zu dessen hervorragenden Eigenschaften es gehört, dass er warten kann. Nicht auf internationale Anerkennung; mit ihr wurde er oft bedacht. Nicht auf den Lobgesang seiner Verehrer; dieser begleitet ihn seit Jahrzehnten ebenso wie die teils bösartige Kritik derer, die sein Werk ablehnen. 

 

Nein, der Mann, den wir unter dem Künstlernamen Angerer der Ältere kennen, versteht Warten in einem anderen Sinn als wir. Und genau deswegen sind wir hier im ehrwürdigen Fürther Stadttheater zusammengekommen, um uns von ihm Augen und Sinne öffnen zu lassen. 

 

Es ist nicht bloß ein heiteres artistisches Spiel, das der Künstler uns aufgibt – es geht in seiner Kunst ums Ganze. Warum ist das so? - Stellen Sie sich vor, Sie könnten wie in einem Brennglas in einem einzigen lichterfüllten Moment sich selbst sehen: Sie selbst als Teil des Ganzen, als Teil der Schöpfung in ihrer Ganzheit. Genau dies zeigen die Kunstwerke Angerers des Älteren in meinem Verständnis. Und sie zeigen noch mehr:    

In Angerer dem Älteren erkennen wir einen Maler, Bildhauer, Schriftsteller und Architekten, der uns den Augenblick neu sehen lehrt. Aber richtig verstanden: Jenen Augenblick, der in sich birgt die Ewigkeit. Antike Philosophen wie Platon und Plotin wussten von diesem Augenblick; ihnen hieß er das „Stehende Jetzt“: Das Stehende Jetzt, in dem die Zeiten zusammenfallen, ist eine Denkfigur, die uns Gegenwärtigen verloren gegangen ist. Künstler wie Angerer bewegt sie noch. Für die bedeutende jüdische Philosophin Hanna Arendt ist das „Stehende Jetzt“ geradezu die Vor-Bedingung aller Kunst, wenn sie schreibt: „Das Stehende Jetzt ist die eigentliche Heimat, die einzige Heimat von Geist, Seele und Kunst; der einzige Punkt, an dem Vergangenheit und Zukunft zusammenfallen und wo die Muster und die Bedeutung des Ganzen klar werden.“ 

 

So verstanden, sehen wir in Ludwig Valentin Angerer einen Vertreter jener Kunst, der uns mit unseren inneren Bildern konfrontiert, so wie sie manchmal in Träumen aufscheinen. Gegenwart zeigt sich in seinen Bildern als der von Glück erfüllte ewige Augenblick. Und weil das so ist, erfahren wir, deren Augen und Sinne sich öffnen, das Glück, an diesem ewigen Augenblick teilhaben zu dürfen. Denn, verehrte Damen und Herren, jedes seiner Werke holt den verschütteten Teil Ihrer Seele ins Leben zurück, der unter dem Joch der Alltagswirklichkeit stöhnt und ächzt.

 

Wenn Sie dann noch vor seinen Bildern ausrufen: „Das ist ja fantastisch, das ist ja märchenhaft!“ Dann liegen Sie richtig. Und wie in der Welt der Märchen die Wünsche oft ohne unser Zutun in Erfüllung gehen, so erfüllt sich für uns jetzt endlich, dass die Ausstellung „Mutige Kunst“ unsere Seele mit dem Gold der Märchen und der Fantasie nähren darf.

 

Für einen Künstler, der quasi auf Du und Du mit der Ewigkeit steht, ist es aber nur ein kurzer Moment, den er gewartet hat, ehe er seine Bilder hier vor Ihnen ausbreiten konnte, diese Auswahl repräsentativer Arbeiten, die der Fürther Galerist John Hammond kenntnisreich zusammengetragen hat. Seit einem Jahr wurde die Ausstellung immer wieder verschoben - der Pandemie wegen.

   

Erlauben Sie mir hierzu eine kleine Abschweifung: Die Pandemie, von Medien und Politikern zur Seuche des Jahrhunderts stilisiert, welchen Einfluss hat sie auf Angerers Werk? So gut wie keinen. Soziale Verwerfungen berühren diesen Künstler nicht. Unsere Endzeit mit ihrem Hedonismus und ihrer Geistlosigkeit, sie gilt ihm längst als überwunden. Eine neue Zeit bricht an, und der Mensch steigt in ihr wie Phönix aus der Asche. Als ich ihn dazu befragte, ob Corona ihn in irgendeiner Weise künstlerisch anrege, antwortete Angerer der Ältere entschieden: „Nein!“ 

 

Und doch: Es gibt ein Gemälde mit Corona-Bezug, das er Besuchern manchmal zeigt. Es heißt „der Seuchenchef“ und zeigt die Fratze eines unheimlichen Gnoms, der zu grinsen scheint, halb in seinem Korb versteckt. Oder stellt er seine Leidensmiene zur Schau? Wir wissen es nicht. Wirkt er glücklich oder unglücklich? Vielleicht nur gleichgültig?  Er hat die Physiognomie eines Toten, mit dunklen, leeren Augenhöhlen, obwohl er lebendig scheint. Einzelne Stellen seines Gesichts sind mit Blattgold belegt. Selten war der Künstler der Wahrheit näher als in diesem grotesken Antlitz. In seiner Mischung aus morbidem Charme und ästhetischer Überwältigung drückt es die ganze Dämonie der inneren Bilder aus, die uns fortan quälen, wenn wir an die Seuche denken und wie sie Einzug in unser Unterbewusstsein hält.

    

Der „Seuchenchef“ hat unsere Ausstellung nicht heimgesucht. Statt seiner entdecken wir Arbeiten, die innere Kämpfe ganz anderer Art vermuten lassen. Dass sie endlich öffentlich zugänglich gemacht werden, dafür sind wir Intendant Werner Müller als Hausherrn und Herrn John Hammond sehr dankbar. Beide erlauben uns, einen Blick hinter den Schleier der Zeit zu werfen. Dafür sind wir dankbar in doppeltem Sinne: 

 

Denn so mutig wie unser Künstler sind auch die Möglichmacher dieser Ausstellung! Es ist keine Selbstverständlichkeit, an einem Ort, der sich in Schillers Sinne als moralische Anstalt versteht, einen Künstler zu präsentieren, der sich selbst „amoralisch“ und „unzeitgemäß“ nennt, der die Themen unserer Zeit wie Brexit, wie Corona oder deutsche Hybris allenfalls als beiläufiges Zitat oder als Groteske abhandelt. Das, wofür Theater steht, das Verhandeln über Menschen, die sich an anderen Menschen schuldig gemacht haben, ist seine Sache nicht. Dabei verbindet ihn, den Schöpfer von großartigen Filmkulissen, natürlich einiges mit dem Theater, man denke an den Film „Die Unendliche Geschichte, Teil 2“ und an seine Bühnenbilder für „Der Kleine Hobbit“. Auch sind manche seiner Gemälde so aufgebaut wie Theaterkulissen, mit kunstvoll drapierten Vorhängen, die sich gerade geöffnet haben und den Blick freigeben auf ein dramatisches Geschehen.

 

Nein: Angerer der Ältere ist kein politischer Künstler. Wenn er „Zeichen setzt“, so tut er dies nicht gegen soziale Ungerechtigkeit oder gegen den neoliberalen Spät-Kapitalismus. Für politische Parolen hat der 1938 in Bad Reichenhall geborene Anarch nichts übrig. Widerstand gegen den Zeitgeist leistet er auf andere Weise. Und die ist von existenzieller Bedeutung für die geistige Gesundheit des Einzelnen. 

 

In Angerer den Älteren haben wir es mit einem entschlossenen Kämpfer für das Individuum zu tun: Durchaus verstanden im aristokratischen Sinn als Herrschaft der Besten. Wir haben es zu tun mit einem Fürsprecher des Einzelnen, nicht des Kollektivs. Das Kollektiv hat so seine Tücken. Das zeigt das Titelbild unserer Ausstellung, genannt „Das Licht der Welt“: Das Kollektiv ist eine bleischwere uniforme Masse, der jedes Eigenleben fehlt. Gepanzerte, dunkle Wesen, maschinenhaft im Gleichschritt. Christus, das Ziel all dieser Geharnischten, ist noch da als „Licht der Welt“. Aber nur auf einige Wenige fällt sein Licht. Der Rest eilt am Kind vorbei.

 

Den Menschen, so bekannte der Künstler, könne er sich gar nicht anders denken denn als Helden. Zum besseren Verständnis sei gesagt: Obwohl Angerer der Ältere für die Filmindustrie gearbeitet hat, so ist damit nicht der Held à la Hollywood gemeint, ein voraussetzungsloser Superman, der mit viel Action für Recht und Ordnung kämpft. Er meint damit den Helden in der antiken und christlichen Überlieferung: Den geistlichen Krieger, den Propheten, den sakralen Gottkönig – den Menschen also, der sich selbst überwindet oder, sublimer noch, der sich für die Gemeinschaft opfert. Damit steht er in fundamentalem Gegensatz zum heutigen Menschenbild. Manche Soziologen lehnen das Konzept des Helden schlichtweg ab. Sie sprechen lieber von unserem „postheroischen Zeitalter“. Mag sein, dass der Zeitgeist es so will. Doch unser Thema ist Mut. Und mutig ist es, sich dem allgegenwärtigen Nihilismus zu widersetzen. Angerer der Ältere tut dies im Beharren auf einen Archetypus im Menschen, der die Heldenreise seit Jahrtausenden einfordert: Die Heldenreise, wie Tiefenpsychologie und Mythologie sie als ein Rollenmodell für die Individuation verstehen. 
 
Sehr verehrte Damen und Herren: Kommen wir noch einmal auf unser Titelbild zurück: „Das Licht der Welt“, offenbar ein Gemälde, das unsere Gegenwart nicht darstellt, ein unzeitgemäßes Bild, möchte man meinen. In Wirklichkeit aber macht es sie erst auf rätselhafte Weise sichtbar. Diese verirrten Seelen, Kreuzritter mit dem Lichtschwert in der Hand, vielleicht ist es gar nicht entscheidend, ob ihre Marschrichtung stimmt. Oder dass sie das Kind in seiner Aureole gar nicht wahrnehmen. Oder dass sie der Gruppendynamik zum Opfer fallen. Vielleicht ist es viel bedeutungsvoller, dass sie die Erdenschwere überwunden haben. Wie es scheint, existiert kein Boden mehr unter ihnen, sie stürmen voran über ein Geflecht aus bissigem Draht. Unter ihnen herrschen Licht und Leere. Wohlgemerkt rotes, irdisches Licht, Licht der Hölle, der sie gerade entrinnen. Einige von ihnen stehen bereits in vollem Glanz des wahren Lichts, das von dem Kind ausgeht. Sie stehen vor ihrer Mensch-Werdung. Vor diesem Hintergrund muss sich unsere erste Deutung ändern: Maß und Ziel verloren, aber immer noch auf dem Weg, nicht mehr geleitet von Christus, aber auf der Suche nach ihm, obwohl er doch so nah ist!

 

Wer also ist der Held, von dem Angerer der Ältere spricht, wenn er vom Menschen spricht? Wie wir sehen, ist es der Mensch, der sich in seinem Scheitern nur vor Gott verantwortet. Sein Werk zeigt sinnbildlich den nie abgeschlossenen inneren Weg der Menschheit als Ringen mit den Kräften von Gut und Böse. Das Leiden an der Zeitlichkeit alles Daseins, das Leiden an dem, was Menschen anderen Menschen antun, ist überwunden und überführt in ein utopisches Heilsversprechen. In letzter Konsequenz begehrt Angerer der Ältere auf gegen die entgöttlichte Welt, gegen die „metaphysische Obdachlosigkeit“ der Postmoderne und eröffnet damit den Blick auf die Zeit danach. In seiner Darstellung wird sie wieder von Humanität und Schönheit erfüllt sein. Denn sein Ziel ist es, den Menschen in die Kunst zurückzuführen, aus der er durch den Sündenfall von permanenter künstlerischer Revolution und Beliebigkeit gefallen ist.

 

Es bedarf des außerordentlichen Mutes, dem Repräsentanten einer solchen Kunst den ihr gebührenden Platz zu geben. Hier im Fürther Stadttheater erhaschen wir einen Blick auf das, was kommen mag, wenn wir nur wieder an die Kraft der Bilder glauben.  – Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit!