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Fürther Nachrichten, 22.08.2020, MATTHIAS BOLL

 

England bleibt Heimat und Rückzugsort

Seine Meinung ist regelmäßig nicht nur in dieser Zeitung gefragt: JOHN HAMMOND ist seit 40ig Jahren Galerist, Kunstverkäufer und Berater.

John Hammond, haben Sie ein paar Sätze zum Thronjubiläum der Queen? John Hammond, wie geht es weiter nach dem Brexit-Beschluss? John Hammond, könnten Sie uns verraten, was Ihnen der Meistertitel für den FC Liverpool bedeutet?

 

Es ist alles andere als langweilig, John Hammond zu sein, die Lokalzeitung kennt halt seiene Nummer. Seit Jahr und Tag ist er ein ausnahmslos freundlicher, ironiebegabter und um keinen meinungsfreudigen Satz verlegener Auskunftgeber, wenn wieder mal die FN einen Engländer für ihre Rubrik "Angefragt" suchen.

Wer also die vergangenen "Angefragt"-Ausgaben mit ihm verpasst hat, bekommt hier kurz die Zusammenfassung: John Hammond ist Liverpool-Fan, hält Boris Johnson für einen verrückten Clown und ist glühender Republikaner. Das wallende, weiße Haar trägt er schulterlang. Er mag den Humor von Monty Python.

 

Der Engländer. Gern vergisst man dabei, dass John Hammond schon seit über 40 Jahren fränkisches Gras unter den Füßen wächst, seit Juni ist er obendrein auch Deutscher, mit astrein bestandenem Einbürgerungstest. "Das Leben", sagt er, der in wenigen Tagen 72 wird, "das Leben ist wie ein Adventskalender. Man muss nur im richtigen Moment die Türen aufmachen."

 

Okay, der Mann, der hier gerade so völlig relaxed und allen Corona-Widrigkeiten zum Trotz grundheiter - "Ich habe nicht das Gfühl, in Fürth zu wohnen, sondern in Deutschland, in Europa" - im Hof des Hauses unweit des Helene-Lange-Gymnasiums einen astreinen Sinnspruch zum Besten gibt, ist in der Tat durch viele offene Türen gegangen. "Hinter der Tür ist nicht immer was Süßes, aber man muss den Mut haben, sie aufzumachen." 
Vermutlich glauben jetzt jene Leser, die ihn von vielen "Angefragt"-Beiträgen kennen: Der macht in Schokolade. Irrtum, die Kunst ist sein Leben - und 2020 das Jahr, das ihm die Feiern gleich zweier Jubiläen gründlich verhagelt hat.

 

150 Ausstellungen im Stadttheater hat er kuratiert; als die 151. mit Werken Manfred Hürlimanns eröffnet werden sollte, schlug drei Tage vorher das Virus zu, Shutdown. Das zweite Pint auf sein Wohl gilt den nunmehr 40 Jahren als Galerist, Kunstverkäufer, Kunstberater, Kunst-in-die-Büros-Bringer.

 

Hammond hat nachgezählt 553 Vernissagen waren es in all den Jahren, im Schnitt pro Ausstellung 40 Werke, der Rest ist Mathe. "Es hat immer Spaß gemacht", sagt John Hammond, der sich vorgenommen hat, zu arbeiten "bis ich umfalle"; vor allem zu Beginn der achtziger Jahre sei Fürth eine Stadt "voller Energie" gewesen, die kaum existierende Kunstszene glich einem Vakuum, das gegierig auszufüllen sich viele vornahmen. Sehr viele scheiterten. Einer blieb: John Hammond.

 

Türen gingen auf. Schon für den 17-Jährigen, der, geboren in Grays an der Themse, 1965 in die heißeste Metropole Europas kommt: London.

 

Die Fotografie hat es dem schlaksigen Kerl angetan, die sagenumwobenen Swinging Sixties saugt er auf wie ein Verdurstender. "Eine total verrückte Zeit, soviel viel Freiheit, soviel Kreativität". Für Top-Fotograf Michael Joseph -einige Albencover der Stones gehen auf sein Konto - steht Hammond im Labor und macht den Endabzug. Er assistiert bei Fotosessions für Alben von David Bowie, Cream, den Pointer Sisters, Ralph McTell. "Die Werbebranche hatte damals noch unglaublich viel Geld, es war abenteuerlich."

 

Doch die Streets of London sind nicht unentwegt mit Glück asphaltiert. Eine Zeit der Sinnsuche beginnt, ein Jahr segelt er auf dem Mittelmeer, geht in Spanien vor Anker, wo Generalissimo Franco auch vorm öffentlichen Aufknüpfen seiner Gegner nicht zurückscheut. In Spanien Fußfassen? Gern. 

Aber nicht in diesem Spanien. "Deutschland war für mich immer Ziel", da ereilt ihn ein höchst verlockendes Angebot. In Marseille kann er Crewmitglied an Bord eines Luxusseglers werden.

 

Doch eine weitere Tür geht auf: Werbefotografie in Deutschland, Fleischmann und Quelle heißen die großen Dampfer, in Gräfenberg ist, wir schreiben das Jahr 1976, noch ein WG-Zimmer frei.

 

Hammond entscheidet sich gegen Marseille und für einen neuen Lebensmittelpunkt, der mit dem locker-flockigen London und der tosenden See so viel zu tun hat wie ein Kaninchen mit einer Löwendressur.

 

In Germany allerdings läuft ihm die Liebe seines Lebens über den Weg,  die Tür zur Kunst geht auf. Renate Hammond brodelt nach 12 Semestern an der Nürnberger Akademie vor Energie, am 05. Juni 1981 läuten in Zirndorf die Hochzeitsglocken - "und am Abend war gleich wieder Vernissage, denn Kunst, das war wirklich unser Leben".

 

1979 hatte das Paar in der Königstraße, gleich gegenüber dem Stadttheater, einen Antiquitätenladen mitsamt Kunstverkauf eröffnet. Die "Galerie am Theater" ist 12 Jahre lang eine der ersten Profiadressen auf dem Fürther Kunst-Stadtplan, eine größere Galerie folgt im City-Center, wo Hammond einer Disco weichen muss; die Büroräume behält er immerhin bis kurz vorm Abriss. "Wir waren so ziemlich die Ersten, die Kunst und Wirtschaft miteinander kombinierten" - in Diensten von Quelle und Siemens kuratiert Hammond Dutzende Ausstellungen pro Jahr. In den besseren Jahren versteht sich. Bald öffnet auch die Fürther Sparkasse mit ihrem kunstsinnigen Vorstandschef Rainer Heller die Türen für die Hammonds.

 

"Ich zeige gern Abstraktes, wo aber noch ein Stück Gegenständlichkeit vorhanden ist, das Verspielte", so versucht John Hammond seine Handschrift als Mann der Kunst zu erklären. "Und ich habe immer mindestens einmal pro Jahr, eine Show bei der Humor eine Rolle spielt."

 

Sein zweifellos größter Coup gelingt ihm 1992, als seine Art-Agency Hammond mit kräftiger, nämlich mit 70 000 Mark hoher Unterstützung durch die Stadt Fürth den Hollywood-Wahnsinnigen Dennis Hopper und seine Arbeiten ins Stadttheater holt. 5000 Besucher und einige TV-Sender die seitdem wissen, wo das Fürther Stadttheater liegt, waren der Dank.

 

Doch der junge Galerist wächst mit seinen Aufgaben. "Wenn du dich mit so vielen Künstlern befasst, bekommst Du irgendwann ein Händchen für Qualität". Das erkannte offenbar auch das Gründungsteam der kunst galerie fürth, das ihn noch in der Planungsphase in den Beirat holte. Dass der Umzug in die Alte Feuerwache in Aussicht steht, begrüßt Hammond. "Eine größere Galerie bietet deutlich mehr Möglichkeiten und mehr Aufenthaltsqualität, auch für Kinder."

 

England, wo Bruder und Schwester leben, blieb in all den Jahren Heimat ("Ich vermisse die Pubs") und Rückzugsort. Das Paar - einer der beiden Söhne hat es vor zwei Jahren zu Großeltern gemacht - hat noch ein Haus in Dover, Renate Hammond träumt von dort aus den "Traum" (O-Ton John Hammond) einer kleinen Galerie in London.

Doch so locker-leicht wie damals sind die Zeiten auf der Insel längst nicht mehr. Auch hierzulande gehen die großen Firmen, so sie noch existieren, andere Wege in der Kunstvermittlung als noch vor 40 Jahren. "Ich habe mein Leben relativ sicher gestaltet, trotzdem fehlen den Galeristen die Käufer", sagt der Jubilar, dergleichwohl bis Ende 2021 mit Ausstellungen verplant ist.

 

"Umso wichtiger ist es, mit den Neuen Medien Schritt zu halten, die Kunst natürlich in einem ganz anderen Tempo verbreiten als noch in den Anfängen unserer Galeristenzeit." Auch im Stadttheater wird auf die 151. Schau die 152. folgen, die 153. Immer gehen Türen auf. Ein neues Büro nach dem City-Center-Abriss hat der 71-Jährige ebenfalls gefunden - auserechnet im Erdgeschoss jenes Altbaus, in dem er seit 40 Jahren wohnt. Klein aber randvoll mit Gemälden, Zeichnungen, Figürlichem.

 

John Hammond, könnten Sie uns kurz die Frage beantworten, was Glück ist?